Flextone - Soundpool

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Testbericht aus Gitarre & Bass 4/98

Line 6 die 2te! Nachdem wir in Ausgabe 1/97 das Flaggschiff AxSys212 getestet haben, steht jetzt der kleinere Bruder Flextone zu einer eingehenden Prüfung bereit. Beiden gemeinsam ist die digitale Tonerzeugung (TubeTone), integrierte Effekte und eine einfache Bedienung.

Allmählich müssen wir Gitarristen uns wohl damit auseinandersetzen, daß nicht immer die Röhre den Sound macht und es außerdem sehr komfortabel ist, wenn man vor dem Auftritt nicht noch meterweise Kabel verlegt, um die Anlage betriebsbereit zu machen. Direkt in den Amp integrierte Effekte sind nicht nur praktisch sondern verringern die möglichen Fehlerquellen und Nebengeräusche (Anpassung) enorm. Und letztlich haben die Software-Verstärker noch einen weiteren Vorteil – sie brauchen nicht kostspielig modifiziert werden, um den persönlichen Traumsound zu bekommen, sondern sind durch Updates der Software immer auf den neusten Stand der Technik zu bringen. Irgendwann wird wohl die Zeit kommen, wo man so einen digitalen Amp kauft und dann aus einer Library die bevorzugten Verstärkertypen sowie Effekte wählt.

Am Rande erwähnt sei, daß Line 6 das Flaggschiff überarbeitet hat, optisch und softwaremäßig, weshalb die Bezeichnung jetzt AX2 212 lautet. Besitzer des Vorläufers AxSys212 können den Verstärker mit der neuen Software updaten.

Doch zurück zum Flextone, der mit ca. DM 1798,– teuer erscheint, wenn man den Preis im AxSys-Test 1/97 zugrunde legt – der ist nicht mehr aktuell, für den „Großen" ruft Line 6 mittlerweile ca. DM 2598,– auf!


konstruktion
Die Bedienelemente liegen bei unserem Flextone auf der Oberseite wie bei einem Vox AC30 zum Beispiel, so daß er auch als „normaler" Amp durchgeht. Normal (also keine Endlos- bzw. multifunktionale Potis) sind auch die Regler Master Volume, Drive, Bass, Mid, Treble, Channel Volume, Reverb Level und Effekt Tweak (bestimmt je nach angewähltem Effekt Intensität oder Lautstärke). Hinzu kommen zwei Rasterpotis, zum einen Amp Model zum anderen die Wahl von Effekt bzw. -kombination (siehe Abb.). Dann gibt es noch beleuchtete Taster: Manual, Channel A, B, C, D, Save, Tap/Tempo und schon haben wir die offensichtlichen Bedienelemente abgehandelt! An der Rückseite findet man dann noch Netzkabelanschluß, Netzschalter, eine vorwitzig hervorstehende Buchse mit der Bezeichnung Phones (Lautsprecher wird abgeschaltet, wenn ein Kopfhörer eingesteckt ist), die auch als DI-Ausgang zu nutzen und frequenzkorrigiert ist (leider ist der Flextone generell stumm, wenn ein Kabel in dieser Buchse steckt!). Da hilft dann der Einschleifweg weiter, der zum einen als solcher zu gebrauchen ist (seriell hinter allen anderen Effekten angeordnet, allerdings vor dem Master), oder aber per DI-Box, besser Speaker-Simulator, zum Verkabeln mit dem Mischpult dient und den Flextone mit seinen integrierten Lautsprechern natürlich weiterhin hörbar läßt.

Die Innereien des Amps sind in ein großzügiges Chassis integriert, das konstruktionsbedingt zum größten Teil mit Luft gefüllt ist, im Klartext: Das Flextone-Hirn hätte wohl auch in einer winzigen Damenhandtasche Platz! Die Endstufe (60 Watt, Herstellerangabe) liefert ihr Signal an einen von Eminence für Line 6 gebauten Zwölfzöller.

Das Gehäuse macht einen robusten Eindruck, ist mit Kunstleder bezogen, hat unten vier Stahlecken und steht rutschsicher auf Gummifüßen. Mit dem an der Oberseite angebrachten Tragegriff läßt sich das ca. 18 kg wiegende Leichtgewicht gut transportieren.




praxis
Wie zu erwarten stellt Line 6 auch im Flextone die verschiedensten „nachgebauten" Ampsounds zur Verfügung. Da es sich im Gegensatz zum AX2 212 um eine aus das Wesentliche beschränkte Version im virtuellen Feld handelt, kann man ihn wie einen ganz konventionell zu bedienenden Verstärker benutzen. Der Manual-Betrieb macht’s möglich.

Ein Beispiel: für einen Song brauche ich einen Vox mit etwas Delay – ein Dreh hier, ein Dreh dort – schon kann der Schlagzeuger anzählen. Die Klangregelung kann vernachlässigt werden, weil sich die unterschiedlichen Amp-Modelle schon genügend unterscheiden, wer ganz sicher gehen will, beläßt sie in Mittelstellung. Schließlich kann man auch vier Presets programmieren, die dann manuell oder bequemer mit dem optionalen Fußschalter FB-4 (ca. DM 179,–) abrufbar sind. Richtig luxuriös wird es dann mit dem Floor Board (ca. DM 648,–) mit dem sich die User-Speicherplätze von vier auf zwölf erhöht, das zusätzlich noch 16 Presets (modifizierbar, aber nicht überschreibbar), WahWah, Volume-Pedal, Stimmgerät und noch weitere Angenehmlichkeiten bietet. Doch kommt man auch mit dem FB-4 schon gut zurecht, denn welcher auf dem Markt befindliche Amp ist schon in der Lage, vier gänzlich unterschiedliche Sounds, versehen mit Effekten, anzubieten?

Also bleiben wir auf dem Teppich und hören erst einmal, was der Flextone an Amp-Modellen zu bieten hat. Dazu stelle ich die Effekte auf Bypass, Reverb soll genügen, und drücke den Taster Manual. Jetzt noch ein Amp-Modell angewählt und ab. Im Gegensatz zum AxSys steht, egal welcher Amp angewählt ist, immer die komplette Klangregelung zur Verfügung, so daß der Mittenregler funktioniert, obwohl das „Original" gar keinen hat. Als Referenz habe ich Black Panel gewählt (’64 Fender Deluxe Reverb) und alle Regler in Mittelstellung gebracht – das kommt einem vergleichsweise benutzten Deluxe-Reissue sehr nahe, schön crisp bei Cleansounds und weich im angezerrten Betrieb. Sehr entscheidend für die Klangergebnisse ist der Drive-Regler (der Deluxe besitzt kein Mastervolumen, Druck oder Verzerrung sind nur durch Aufdrehen des Volumenreglers zu erreichen), steht er unterhalb der Mittelstellung, wird der Sound eher mager, gerade wie beim Original. Deshalb lohnt sich ein Blick in die Bedienungsanleitung, wo die unterschiedlichen Charaktere der nachgebildeten Amps verständlich erklärt sind – ich gehe davon aus, daß nicht jeder die hier versammelten Verstärker schon einmal antesten konnte. Sehen wir es so, was nutzt der schönste Bläsersound dem Keyboarder, wenn er nicht weiß, wie ein Bläser phrasiert? So ähnlich ist das auch bei den digitalen Verstärkern.

Zurück zum Fender, äh, Flextone. Dann habe ich den eingestellten Sound mit einer Les Paul probiert, und siehe da, der Line 6 reagiert wie im richtigen Leben darauf und stellt die Unterschiede von Strat und Les Paul schön dar. Natürlich erhöht sich durch die leitungsstärkeren Pickups der Paula auch die Verzerrung. Und da habe ich ein Feature des AxSys vermißt, der hatte nämlich einen Anpassungsregler, um auch niederpegeligen Instrumenten unter die Arme zu greifen. Ohne besagten Regler bleibt alles bei der alten Realität: niedriger Pegel = wenig Verzerrung, hoher Pegel = mehr Verzerrung. Wer also trotz Strat den Monster-Deluxe-Sound haben möchte, muß einen Booster vorschalten, was auch gut funktioniert. Dynamisch reagiert der Flextone nämlich, sowohl auf die Anschlagstärke als auch das Volumenpoti der Gitarre. Darüber hinaus, nicht zu vergessen, stehen ja Amps zur Anwahl, die von Natur aus mehr Verzerrung bringen als der eben angespielte „Fender".

Wie schon die verschiedenen Amps des AxSys können auch die im Flextone überzeugen, man hat halt Klassiker und klassische Neuzeitler gewählt, um den Line 6 zu einer flexiblen Workstation zu machen. So kommt auch die HiGain-Abteilung sehr überzeugend rüber, bissige Verzerrung, präsenter Attack und Druck (was so ein einsamer Zwölfzöller eben bieten kann).

Und daß man durchaus mit lediglich vier Presets auskommen kann, zeigt dann ein Beispiel: auf Channel A cleaner Fender mit etwas Chorus, Channel B angezerrter Matchless mit kurzem Delay, Channel C verzerrter Marshall mit Chorus, ein kurzes Delay und Channel D verzerrter Mesa/Boogie, ebenfalls mit Chorus, aber längerem Delay.

Das Programmieren geht ganz einfach vonstatten: Man stellt den gewünschten Sound ein, drückt Save, danach den Channel, wohin der Sound gespeichert werden soll, und noch einmal Save – fertig! Einzig und allein das Mastervolumen ist nicht speicherbar. Hätte man dann doch lieber etwas mehr Höhen in einem gespeicherten Channel-Sound, dreht man den Treble-Regler entsprechend auf, drückt Save – okay.

Zu beachten ist der Regler Channel Volume, denn mit ihm stellt man die Lautstärkeverhältnisse zwischen den vier Presets ein.

Spielt man jetzt die vier eben editierten Sounds einmal durch, wird bei aller Vernunft dann doch der Wunsch nach mehr Speicherplätzen laut, also doch noch das Floor-Board dazu kaufen, denn mit zwölf Presets läßt sich komfortabel leben. Nicht daß es darum ginge, noch mehr Amps zu nutzen, doch wenn schon die gebräuchlichsten und geschmackvollen Effekte an Bord sind, will man sie wohl auch nutzen; was tun, wenn man für zwei Songs einen Leslie-Effekt braucht? Dann bleibt die ganz am Anfang beschriebene Methode, den Manual-Betrieb zu wählen, und ruck zuck Amp-Modell und Effekt einzustellen; schade, daß es in diesem Zusammenhang keine Möglichkeit zur Fernbedienung des Effekt-Bypass gibt.

Nichtsdestotrotz kann der Flextone, als reiner Verstärker gesehen, mit den meisten am Markt befindlichen, konventionellen Angeboten locker mithalten, denn zu seinem außergewöhnlichen Soundangebot gesellen sich druckvolle Wiedergabe; und die Nebengeräusche sind verglichen mit den Originalen im grünen Bereich.

Wer lieber eine Stereo-Ausführung hätte, dem bietet Line 6 noch den Flextone Duo (2´ 50 Watt, 2´ 10"; ca. DM 2098,–) und den Flextone Plus (1´ 12", nach Anschluß einer Zusatzbox Stereo 2´ 50 Watt; ca. DM 1998,–) an.


resümee
Der Flextone zeigt die gleich hohe Qualität der Amp-Simulationen wie der große Bruder und gefällt ebenso durch seine einfache Bedienung. Allerdings gibt es auch einige Ungereimtheiten wie, z. B., beschränkter Speicherplatz, um die vorhandenen Möglichkeiten einigermaßen zu nutzen. Schließlich gibt es, zumindest im Moment, wohl noch nicht so viele Digital- wie Röhrenpuristen, als daß sich jemand einen Digital-Amp des bloßen Sounds wegen kauft. Vielmehr ist es doch die Verlockung „All in one box", was viele Gitarristen in die digitale Welt locken könnte, denn wer kennt nicht die Probleme mit Verstärkern, externen Effektgeräten und MIDI-Fußschaltern?

Ich kritisiere den Flextone nicht als Verstärker selbst betrachtet, seine Wiedergabe überzeugt, doch angesichts seines Preises, erscheint der ca. DM 800,–teurere Line 6 AX2 212 von Konzept und Ausstattung her das bessere und praxisbezogenere Angebot zu sein.


übersicht

Fabrikat: Line 6

Modell: Flextone

Herkunftsland: USA

Gerätetyp: digitaler E-Gitarrenverstärker mit 16 Amp-Simulationen und integrierten Effekten, Combo, 60 Watt (Herstellerangabe)

Lautsprecher: 1´ 12" Line 6 by Eminence

Gehäuse: MDF, Kunstlederbezug, vier Metallecken, Gummifüße, Tragegriff

Anschlüsse: Input, Phones (mit Speakersimulation, auch als Recording- bzw. DI-Ausgang nutzbar), Remote, Return, Send, Netzkabel

Regler: Master Volume, Drive, Bass, Mid, Treble, Channel Volume Reverb Level, Effekt Tweak, Amp Models, Effects

Schalter/Taster: Power, Manual, Channel Select (A, B, C, D), Save, Tap Tempo

Effekte: Raum- oder simulierter Federhall je nach Amp-Modell); anwählbar: Compressor, Tremolo, Chorus 1, -2, Flanger 1, -2, Rotary Speaker, Delay, Delay/Compressor, Delay/Tremolo, Delay/Chorus 1, Delay/Chorus 2, Delay/Flanger 1, Delay/Flanger 2, Delay/Swell

Einschleifweg: mono, seriell

Maße: 600 ´ 445 ´ 270 (BHT, mm)

Gewicht: ca. 18 (kg)

Preise: ca. DM 1798,–

FB-4: ca. DM 179,–

Floor Board: ca. DM 648,–


P L U S

hochwertige Ampsimulationen

dynamische Wiedergabe

Effektangebot

Nebengeräuschverhalten

einfache Bedienung


M I N U S

nur vier Speicherplätze (mit Floorboard 12 Speicherplätze plus 16 modifizierbare Presets, Anmerk. des Webmasters)

Stummschaltung bei Nutzung des Phones- als DI-Output


Udo Klinkhammer in „Gitarre&Bass“ 4/98 (MM-Musik-Media-Verlag, Köln)